VWL Makroökonomie Konjunkturtheorie und -politik Nachfrageschocks

Nachfrageschocks

Das Modell der aggregierten Nachfrage und des aggregierten Angebots sieht optisch ähnlich aus, wie das mikroökonomische Marktmodell. Trotzdem darf es nicht als dessen “Grossversion” angesehen werden, denn hier fallen die mikroökonomischen Substitutionseffekte weg, da sich die Gütermenge nicht nur auf ein Gut bezieht, sondern auf das reale BIP, das heisst auf sämtliche Güter, die in einer Volkswirtschaft hergestellt werden.

Das aggregierte Angebot zeigt an, wie viele Unternehmungen bei einem bestimmten Preisniveau anbieten wollen und die aggregierte Nachfrage beschreibt, wie viele Güter zu einem bestimmten Preis nachgefragt werden. Der Schnittpunkt beider Kurven gibt das gleichgewichtige Produktions- und Preisniveau an, bei dem Gesamt- angebot und -nachfrage übereinstimmen. Im Punkt, in dem die langfristige Angebotskurve die aggregierte Nachfragekurve schneidet, befindet sich die Volkswirtschaft im langfristigen Gleichgewicht. Verläuft die kurzfristige Angebotskurve ebenfalls durch diesen Schnittpunkt, so haben sich Erwartungen, Löhne und Preise vollständig dem langfristigen Gleichgewicht angepasst. Diese Situation ist in der Grafik oben abgebildet.

Expansive angebotsorientierte Fiskalpolitik (Regler ganz rechts) führt zu steigendem Gesamtangebot (z.B. durch sinkende Steuerbelastung für die Unter­nehmungen). Erklärungen zur Fiskalpolitik finden sich in der Grafik “Fiskalpolitik” in diesem Kapitel.

Expansive Geldpolitik (Geldmengenerhöhung) führt über sinkende Zinsen zu einer steigenden Gesamtnachfrage (mittlerer Regler). Erklärungen dazu finden sich im Kapitel Geld.

Ein negativer Nachfrageschock (z.B. Börsencrash) löst bei einer Volkswirtschaft eine plötzliche und sprunghafte Absenkung der aggregierten Nachfrage aus. In der grafischen Darstellung verschiebt sich die Gesamtnachfragekurve nach links, was durch Verschieben des linken Reglers links nach unten geschieht. Der Gleich- gewichtspunkt wandert von g0 auf g1, und dadurch sinkt das Preisniveau auf p1 und das Produktionsniveau auf y1. Die Volkswirtschaft befindet sich in einer Rezession.
In dieser Situation gibt es verschiedene Reaktionsmöglichkeiten:

Zum einen können durch expansive geld- und fiskalpolitische Massnahmen, wie z. B. Ausweitung des Geldangebots oder Erhöhung der Staatsausgaben, die aggregierte Nachfrage angekurbelt werden. Handeln die Politiker schnell genug, so können sie dem Nachfrageabfall entgegenwirken und die Nachfrage auf ihr altes Niveau zurück- führen. Es wird der alte Gleichgewichtspunkt g0 erreicht. Grafisch zeigt sich dieser Vorgang in einer Rückverschiebung der Gesamtnachfragekurve nach rechts (Regler links wieder nach oben schieben).

Zum anderen kann der Staat auch nicht auf den Rückgang der Nachfrage reagieren und warten bis die Volkswirtschaft allein die Rezession überwindet. Mit der Zeit werden die Wirtschaftssubjekte ihre Wahrnehmungen sowie die relativ starren Preise und Löhne den neuen Gegebenheiten anpassen. Löhne und Preise werden fallen. Durch die niedrigeren Löhne und Preise sinken die Kosten für die Angebotsseite, und die Unternehmen werden ihre Produktion ausweiten und das Angebot vergrößern. Diese Stei- gerung des Angebots entspricht einer Rechtsverschiebung der aggregierten Angebotskurve. Folglich bewegt sich die Volkswirtschaft auf ein neues Gleichgewicht zu. Dieses Gleichgewicht liegt zwar wieder auf dem alten Produktionsniveau y0, aber das Preisniveau p2 bleibt unterhalb des früheren.

Da durch eine angebotsorientierte Fiskalpolitik die gleichen Effekte erzielt werden, können diese visualisiert werden, indem der Regler rechts so weit nach oben geschoben wird bis das alte Produktionsniveau y0 erreicht ist. Der Unterschied der beiden Methoden liegt darin, dass die Volkswirtschaft bei einer aktiven Angebotspolitik die Rezession schneller überwindet.

Ein Beispiel für einen weltweiten negativen Nachfrageschock sind die Ereignisse des 11. September 2001. Firmen, private Haushalte und der Staat haben nach den Terror- anschlägen ihr Ausgabeverhalten geändert. Die schon angeschlagene Luftfahrtbranche erlitt dadurch einen erneuten starken Rückschlag, gefolgt von zahlreichen Insolvenzen. Durch diesen Schock und dessen indirekte Folgen ist die Gesamtnachfrage zurückgegangen. Die folgende Steigerung der amerikanischen Militärausgaben könnte vor diesem Hintergrund als expansive fiskalpolitische Massnahme zur Vermeidung einer Rezession interpretiert werden.