VWL Makroökonomie Konjunkturtheorie und -politik Angebotsschocks

Angebotsschocks

Das Modell der aggregierten Nachfrage und des aggregierten Angebots sieht optisch ähnlich aus, wie das mikroökonomische Marktmodell. Trotzdem darf es nicht als dessen Grossversion angesehen werden, denn hier fallen die mikroökonomischen Substitutionseffekte weg, da sich die Gütermenge nicht nur auf ein Gut bezieht, sondern auf das reale BIP, das heisst auf sämtliche Güter, die in einer Volkswirtschaft hergestellt werden.

Ausgangslage ist das Gleichgewicht g0. Angenommen die Unternehmer erfahren einen Angebotsschock, z.B. einen sprunghaften Anstieg ihrer Kosten, so dass sie bei gegebenen Preisen nur mehr eine geringere Gütermenge absetzen wollen. Das bedeutet, dass die aggregierte Angebotskurve nach links verschoben wird. In der Grafik geschieht dies durch Verschieben des linken Reglers nach unten. Da die Nachfrage unverändert bleibt, sinkt das Produktionsniveau von y0 auf y1 und gleichzeitig steigen die Preise auf p1. Die Arbeitslosigkeit vergrössert sich und die Volkswirtschaft befindet sich in einer Stagflation. Für die Politik gibt es in dieser Situation drei Möglichkeiten:

1) Abwarten: Die gesamtwirtschaftliche Produktion bleibt einige Zeit auf dem Niveau von y1, die Volkswirtschaft befindet sich in einer Rezession. Treten mit der Zeit Selbstheilungsprozesse auf, so pendelt sich das Produktions- und Preisniveau langsam wieder auf dem ursprünglichen Niveau (y0, p0) ein. Die Selbstheilungsprozesse bedeuten, dass z. B. eine längere hohe Arbeitslosenquote und ein niedriges Produktionsniveau die Löhne nach unten drücken. Bei niedrigen Lohnsätzen steigern die Unternehmen ihre Produktion wieder, so dass sich die Angebotskurve nach rechts zurückschiebt bis der Gleichgewichtspunkt g0 erreicht ist.

2) Fiskalpolitische Massnahmen zur Stärkung der Angebotsseite: Der Vorgang, die aggregierte Angebotskurve wieder auf ihr altes Niveau zurückzu- bringen, kann durch politische Eingriffe beschleunigt werden. Mit einer entsprechenden Angebotspolitik kann die Angebotsseite gestärkt und das aggregierte Angebot erhöht werden. Die Ys -Kurve verschiebt sich dann wieder nach rechts. Grafisch hat dies die gleichen Auswirkungen wie die Selbstheilungsprozesse. Beides kann durch Verschieben des linken Reglers nach oben dargestellt werden. Beispiele: Senkung der Gewinnsteuern, Senkung der Lohnnebenkosten, Senkung der Steuern auf Rohstoffe und Energie, etc. Wird auf einen negativen Angebotsschock durch eine entsprechend gegengerichtete Angebotspolitik reagiert, so lassen sich die Wirkungen des Schocks reduzieren.

3) Nachfrageorientierte Politik: Wird auf den negativen Angebotsschock mit nachfrageorientierter Politik reagiert, so entsteht ein Zielkonflikt zwischen Regierung und Notenbank. Eine Stärkung der Nachfrageseite führt auf Kosten von Inflation zu einem höheren Produktionsniveau. Eine Schwächung der Nachfrageseite reduziert die Inflation, verstärkt jedoch die Rezession.

3.a) Fiskalpolitische Massnahmen: Durch die Senkung von Steuern oder Erhöhung der Staatsausgaben kann die Politik die aggregierte Nachfrage steigern und die Nachfragekurve nach rechts schieben. In obiger Abbildung muss man dazu den Regler in der Mitte nach oben bewegen. Wird die wirtschaftspolitische Massnahme richtig dosiert, so kann der neue Gleichgewichtspunkt g2 das Produkitonsniveau y0 erreichen. In diesem Punkt befinden sich die Produktion und die Beschäftigung wieder auf ihrem ursprünglichen Niveau. Allerdings befindet sich das neue Gleichgewicht im Punkt g2. D.h. es muss ein höheres Preisniveau p2 (Inflation) in Kauf genommen werden.

3.b) Geldpolitische Massnahmen: Um nach einem negativen Angebotsschock durch geldpolitische Massnahmen das Preisniveau stabil halten zu können, muss die Notenbank restriktive Massnahmen (Anhebung der Zinsen, Kontraktion der Geldmenge) ergreifen. Somit wird die aggregierte Nachfragekurve nach links verschoben. In obiger Abbildung muss man dazu den mittleren Schieber nach unten bewegen. Es kommt nicht zu Inflation. Das neue Gleich- gewicht befindet sich bei g2. D.h. es muss für die Preisniveaustabilisierung eine Verstärkung der Rezession in Kauf genommen werden.

Das klassische Beispiel eines negativen Angebotsschocks sind die Ölpreisschocks in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der erste OPEC-Schock hatte in den Jahren 1971 bis 1974 den Ölpreis vervierfacht und führte zu dramatischen Rezessionen.